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DTM Norisring: Nicki „Norisking“ Thiim holt zwei Poles und zwei Siege

Kurz nach Halbzeit steht das Feld beim DTM-Rennen am Norisring still. Kelvin van der Lindes BMW hat keine Fahrertür mehr, Maximilian Pauls Lamborghini keine Front. Fast eine Stunde lang passiert auf der Strecke nichts – und trotzdem ist das nicht die Geschichte, die am Ende zählt. Die Geschichte heißt Nicki Thiim.

Der Unfall, über den erstmal alle reden

In der Grundigkehre reicht ein Wimpernschlag. Paul bremst an, verliert die Kontrolle, kracht rechts in die Leitplanke, verliert dabei das Vorderrad und donnert ungebremst in van der Lindes BMW – exakt auf Höhe der Fahrertür. Das Bild erinnert an den Crash von Paffett und Rockenfeller 2017, an derselben Stelle.

Beide Fahrer bleiben ansprechbar, werden aber vorsichtshalber ins Krankenhaus gebracht. Van der Linde bekommt später Entwarnung, entscheidet sich laut ADAC aber selbst für eine zweite Kontrolluntersuchung. Bei Paul steht der Verdacht auf eine Unterschenkelfraktur im Raum, er bleibt über Nacht in der Klinik.

Die Ursache ist schnell ein offenes Geheimnis im Fahrerlager, auch wenn Teamchef Gottfried Grasser einen Fahrfehler ausdrücklich ausschließt: Öl auf der Strecke, mutmaßlich aus dem defekten Getriebe von Timo Glocks McLaren. Glock selbst bestätigt den Ölverlust, Teamkollege Ben Dörr fährt mit sichtbar verschmutzter Fahrzeugfront hinterher. Ob es tatsächlich die Ölspur war oder doch die Bremse, die beim Lamborghini schon im Freien Training überhitzte – darüber gehen die Aussagen im Fahrerlager auseinander. Laut Grasser zeigen die Daten jedenfalls kein Bremsproblem.

Am Sonntagmorgen dann die konkreten Zahlen: Van der Linde kommt mit Prellungen davon, ein verstauchter Fuß, sonst nichts – er verlässt das Krankenhaus noch am Samstagabend, verzichtet aber selbst auf den Start am Sonntag. „Autofahren ist heute für mich erst einmal nicht das Richtige“, sagt er, dabei schon wieder zum Scherzen aufgelegt. Bei Paul sieht es anders aus: Unterschenkelbruch, in der Nacht operiert, eine Schraube im linken Fuß – seinem Bremsfuß. Grasser macht deutlich, was das bedeutet: „Die Jungs müssen ja mit 130 Kilo drücken können. Daher muss die Genesung anständig sein.“ Ob und wann Paul in dieser Saison zurückkommt, steht offen.

Bevor es ernst wurde: 90er-Jahre-Feeling in der Boxengasse

An allen drei Tagen fahren zwischen den Meisterschaftsläufen historische DTM-Boliden über die Strecke – und wer wie ich in den Neunzigern mit der DTM großgeworden ist, bleibt an genau dieser Stelle hängen. Ein Mercedes-Benz 190E 2.3-16V, mehrere BMW M3 E30, dazu Ford Sierra Cosworth: die frühe, noch seriennahe DTM-Ära, live und mit Sound.

Einen der M3 E30 steuert Herbert Wittmann – der Vater von Marco Wittmann, der am Norisring sein Heimspiel hat. Und Jörg Schori bringt seinen Toyota Supra MK3 mit der Startnummer 50 an den Start, mit der er hier schon 1989 gefahren ist. Fast 40 Jahre später, gleiche Nummer, gleiche Strecke.

Aus den frühen Neunzigern rollen ein Mercedes-Benz 190E Evo II, ein Opel Omega Evo 500 und ein Audi V8 – Letzteren pilotiert Ex-DTM-Fahrer Gerhard Müller, der selbst schon auf dem Norisring gefahren ist. Sebastian Asch, Sohn von DTM-Legende Roland Asch, sitzt im 190E Evo I. Nachwuchsfahrer Thomas Rackl vertritt mit einem BMW 320 STW von 1994 die Ära des Super-Tourenwagen-Cups.

Die jüngere Geschichte kommt mit einem Opel Astra V8 Coupé DTM von 2003, einst gefahren von Joachim Winkelhock, sowie einer AMG-Mercedes C-Klasse DTM von 2006. Zwischen Ölspur und Krankenwagen ist das die Erinnerung daran, warum man sich diesen Sport überhaupt einmal angeschaut hat: keine Balance-of-Performance-Diskussionen, nur Blech, Reifen und Fahrer.

Passend dazu: Einer der Namen aus genau dieser Ära taucht am Ende des Wochenendes wieder ganz oben auf – nur nicht auf der Demo-Runde. Kurt Thiim stand zuletzt 1992 an der Spitze der DTM-Tabelle, nachdem er 1986 bereits Meister geworden war. Über drei Jahrzehnte später schafft es sein Sohn Nicki nach diesem Wochenende erstmals selbst dorthin. „Es war immer mein großes Ziel, nach meinem Vater im Jahr 1992 den Namen Thiim eines Tages wieder an die Tabellenspitze der DTM zu bringen“, sagt Thiim junior danach – ausgerechnet an der Strecke, an der die Fahrzeuge seiner Kindheit gerade noch über den Asphalt gerollt sind.

Samstag: ein Qualifying mit Ansage

Dass Thiim am Ende ganz vorne steht, deutet sich schon im Qualifying an. Mit 48,449 Sekunden holt er die Pole, knapp vor Maro Engel im Mercedes-AMG. Für Porsche und BMW setzt sich dagegen fort, was schon am Freitag im Training zu sehen war: abgeschlagene Startplätze. Van der Linde findet dafür klare Worte – er spricht offen von einem Balance-of-Performance-Problem, will sich aber „nicht auf das Politische konzentrieren“. Nach dem Wochenende, das ihm bevorsteht, wirkt dieser Satz im Rückblick fast bitter.

Kurios wird es noch vor dem Start: Ben Dörr, im Training schnellster Mann, wird nach dem Qualifying disqualifiziert – sein McLaren unterschreitet das Mindestgewicht um 8,5 Kilogramm. Startplatz vier wird damit zur Fußnote, er muss von hinten losfahren.

DTM am Lausitzring: Erst Regenpoker, dann Hitzeschlacht

Zwei Renntage am Lausitzring, und kein einziger davon lief nach Plan. Am Samstag kippt ein Gewitterguss kurz vor dem Start die gesamte Reifenstrategie, am Sonntag ist es die Hitze, die über Sieg und Niederlage entscheidet. Dazwischen ein Sieger, der erst vier Stunden nach der Zielflagge feststeht, ein erstes Podium für Aston Martin und eines für Ford nach siebenunddreißig Jahren. Es war mein erstes Wochenende als akkreditierter Fotograf/Journalist an dieser Strecke – und es hätte kaum besser zeigen können, warum diese Serie so schwer berechenbar bleibt. Hier die beiden Tage, wie ich sie an der Strecke erlebt habe.

Tag 1: Slicks im Regen und ein Sieger, der vier Stunden auf sich warten ließ

Es schüttet. Nicht der feine Niesel, mit dem man noch verhandeln kann, sondern ein richtiger Gewitterguss, und er kommt genau in dem Moment, in dem zwanzig GT3-Autos in der Startaufstellung stehen und nichts mehr ändern können – außer die Reifen. Auf der Boxenmauer wird hektisch gerechnet, an den Autos wird geschraubt, und ich denke: Das wird gleich interessant. Was es dann auch wurde.

Zum ersten Mal mit Akkreditierung

Vorweg eine Sache in eigener Sache. Ich war dieses Wochenende zum ersten Mal nicht als zahlender Besucher am Lausitzring, sondern akkreditiert – mit Fotoweste, Zugang zur Boxengasse und zur Mixzone. Das verändert den Blick. Man steht nicht mehr hinter dem Zaun, sondern an der Mauer. Man hört nicht nur die Autos, man hört auch, was die Mechaniker sich zurufen. Und man merkt schnell, dass die DTM eine erstaunlich nahbare Serie ist – dazu am Ende mehr.

Klettwitz, Saisonläufe fünf und sechs von sechzehn. Aus Berlin ist die Anreise überschaubar, was nach Zandvoort eine kleine Erholung ist.

Der Vormittag gehört dem Nachwuchs und dem Lärm

Los geht der Tag mit den Qualifyings der Rahmenserien, und hier feiert der BMW M2 Cup seine Premiere. Neuer Markenpokal, Einsteigerserie im DTM-Programm, gedacht für junge Fahrer ab fünfzehn. Laut BMW soll der M2 Racing das Einstiegssegment neu definieren und das Renngeschehen selbst macht tatsächlich Spaß beim Zugucken. Fahrer, die noch nichts zu verlieren haben, und entsprechend mutige Manöver. Als Premiere ein guter Einstand.

Danach der Porsche 911 Carrera Cup Deutschland, den wir schon in Zandvoort hatten. Und es bleibt dabei: Wenn über zwanzig nahezu baugleiche Elfer mit demselben Sechszylinder-Boxer gleichzeitig hochdrehen, ist das kein Sound mehr, das ist eine körperliche Erfahrung. Laut. Beeindruckend. Man spürt es im Brustkorb.

In den Trainings und Rahmenrennen probiere ich verschiedene Fotopositionen durch, lande aber doch wieder da, wo ich auch sonst stehen würde: an der Schikanenkombination am Ende der Geraden. Hier wird gebremst, hier wird verzögert, hier entstehen die Rad-an-Rad-Kämpfe – in jeder Klasse. Meine Lieblingsecke.

Qualifying: Aston-Martin-Pole, BMW-Pleite

Um neun Uhr morgens, bei schon 28 Grad, fährt Nicki Thiim die DTM-Pole heraus – 1:19,463, laut Zeitnahme ein neuer Streckenrekord, und das ausgerechnet bei Bedingungen, die er selbst nicht als seine bezeichnet. Zweite Pole seiner DTM-Karriere, die erste mit Aston Martin. Dahinter, nur sechs Hundertstel zurück, Arjun Maini im Ford Mustang, der seine Einrundenpace eindrucksvoll bestätigt. Das Mercedes-AMG-Trio Auer, Gounon, Engel folgt auf den Plätzen drei bis fünf.

Bitter wird es weiter hinten. Porsche enttäuscht – Preining kommt im „Grello“ nicht über Platz zwölf hinaus. Und BMW erlebt einen rabenschwarzen Morgen: Wittmann und van der Linde auf den Plätzen 18 und 19, am Ende des Feldes. Pikant, weil van der Linde vor zwei Wochen in Zandvoort noch gewonnen hat – und weil er an diesem Tag dreißig wird. Sein Kommentar dazu fällt entsprechend trocken aus, sinngemäß: Man wird wohl langsamer mit dreißig. Wenn auch Teamkollege Wittmann so weit hinten steht, liegt das Problem eher nicht am Fahrer.

Das Rennen: Wetter schreibt das Drehbuch

Und dann der Guss. Kurz vor dem Start setzt der Niederschlag ein, hört zu Rennbeginn aber wieder auf – der klassische Moment, in dem niemand weiß, was richtig ist. Die meisten Teams ziehen Regenreifen auf. Ein paar Mutige riskieren Slicks, darunter Polesetter Thiim, dazu Dörr, Mapelli, Feller und Wittmann. In den ersten Runden geht das nach hinten los, die Slick-Fahrer hängen hinten, es geht ums nackte Überleben. Thiim wird mir das später in der Mixzone bestätigen: erst mal ein, zwei Runden durchkommen.

Dann trocknet der Asphalt ab, und das Bild kippt. Thiim arbeitet sich nach vorne, übernimmt vor dem Boxenstoppfenster wieder die Führung, baut auf Slicks sogar einen Vorsprung auf. Strategie aufgegangen, könnte man meinen. Aber die DTM wäre nicht die DTM, wenn jetzt nicht das Timing zuschlagen würde.

Glock rollt mit technischem Defekt im McLaren aus. Thiim biegt in Runde 13 an die Box ab. Eine Runde später kommt das Trio Mapelli, Dörr, Feller – wenige Sekunden, bevor eine Full-Course-Yellow das Feld einbremst. Wer unter Gelb stoppt, spart Zeit. Das Trio liegt anschließend über zwanzig Sekunden vor Thiim. Genau das nimmt dem Polesetter den Sieg, und er weiß es. Das habe ihn den Sieg gekostet, sagt er mir hinterher, zuckt aber mit den Schultern: Mit Slicks könne man bei dem Wetter auch gleich in Kurve eins einschlagen. Am Ende Platz vier – mehr Hadern lohnt nicht.

Der Sieger steht erst am Abend fest

Über die Ziellinie fährt Mapelli im Lamborghini Temerario als Erster, Dörr Zweiter, Feller Dritter. Drei Mutige, die mit den Slicks recht behalten haben. So weit das Bild auf der Strecke.

Dann beginnt das zweite Rennen, das im Rechnerraum. Die Sportkommissare untersuchen mehrere Fahrer wegen zu hoher Geschwindigkeit unter Full-Course-Yellow – das Tempolimit liegt bei 80 km/h. GPS-Daten, Fahrzeugdaten, Anhörungen der Teams, das Ganze zieht sich. Über vier Stunden nach Zielflagge steht das korrigierte Ergebnis: Mapelli kassiert fünfzehn Sekunden Strafe und verliert den Sieg. Feller kassiert ebenfalls fünfzehn Sekunden, behält aber Rang drei, weil Thiims Rückstand groß genug war.

Sieger ist damit Ben Dörr – der erste DTM-Erfolg für McLaren überhaupt, und der fünfte verschiedene Sieger im fünften Saisonlauf. Für Dörr, der in Zandvoort sein erstes reguläres Podium geholt hatte, ist das die nächste Stufe. Schnellste Rennrunde übrigens Maro Engel; die Tabellenführung holt sich Lucas Auer als Sechster zurück.

Bitter trifft es den Lokalmatador: Maximilian Paul aus Dresden, vermeintlich Sechster, wird wegen desselben Vergehens auf Platz vierzehn zurückgereiht. Ein starkes Heimergebnis, das im Nachgang zerbröselt.

Fazit Tag 1

Der Samstag war ein Lehrstück darüber, wie viel ein Reifenpoker wert sein kann – und wie wenig, wenn ein Tempolimit dazwischenfunkt. Für Mutige wie Dörr hat sich das Risiko ausgezahlt. Für Thiim, der dasselbe Risiko ging und an einer Gelbphase scheiterte, eben nicht. So nah liegt das beieinander.

Ergebnis Rennen 1 – Dekra Lausitzring (5. Saisonlauf)

Pos.FahrerTeamRückstand
1Ben DörrDörr Motorsport (McLaren)
2Marco MapelliRed Bull Team Abt (Lamborghini)+13,136 s
3Ricardo FellerManthey (Porsche)+17,732 s
4Nicki ThiimComtoyou Racing (Aston Martin)+23,435 s
5Marco WittmannSchubert Motorsport (BMW)+24,749 s

Tag 2: Cairoli hält den Kopf kühl, Thiim gibt alles

Nicki Thiim steigt aus dem Aston Martin, und man muss ihm nichts fragen, um zu wissen, wie das Rennen für ihn gelaufen ist. Der Overall komplett durchgeschwitzt, die Bewegungen die eines Mannes, der dehydriert ist und gerade zweiundvierzig Runden bei zweiunddreißig Grad alles gegeben hat. Im Gesicht zuerst der Frust – er hatte am Ende das schnellere Auto und kam trotzdem nicht an Cairoli vorbei. Dann, langsam, die Freude. Genau das Podium, das ihm am Samstag verwehrt geblieben war.

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