Die Strohballen sind drapiert, die Honcho-Banner hängen gerade, die Accessoires liegen da, wo sie im Bild gut aussehen. Auf einem Bauernhof bei Versailles ist alles bereit. Die Frage ist nur: wofür genau? Ich bin zur Europapremiere der LiveWire S4 Honcho eingeladen, dem kleinen Elektro-Motorrad, das die Harley-Tochter als Pendant zu 125er-Verbrennern positioniert. Gefahren wird die Trail-Version, zweimal rund 20 Minuten über gemähte Felder und Wiesen. Um es gleich zu sagen: Ein richtiger Test geht anders. Wie schon beim LiveWire-Event im Craftwerk Berlin gilt auch hier, dass eine kurze Runde keinen Alltag ersetzt. Was folgt, sind erste Eindrücke.
Journalisten, Creator und ein schöner Backdrop
Die Location ist wirklich nett, keine Frage. Es wirkt aber etwas wie die Kulisse für ein Influencer-Event. Das war der Tag in gewisser Weise auch: Klassische Motorradjournalisten und Content Creator waren in der mittlerweile üblichen Mischung eingeladen. Das überrascht mich nicht. Wer mit einem Fahrzeug wie der Honcho jüngere und urbanere Zielgruppen erreichen will, geht dorthin, wo diese Zielgruppen ihre Informationen herbekommen.








Etwas anderes wundert mich mehr. Die Honcho Trail ist nicht straßenzugelassen und darf nur auf abgesperrtem Gelände bewegt werden. Ein Bauernhof ist dafür das passende Setting. Aber ist er auch realitätsnah? Die Zahl der deutschen Großgrundbesitzer, die eine Honcho auf eigenem Land ausfahren können, lässt sich an wenigen Fingern abzählen. Aber für gute Bilder und Spaß reicht es allemal.
LiveWire S4 Honcho vs. BMW CE 02: die Eckdaten
Vor dem Termin habe ich mir überlegt, womit ich die Honcho vergleichen kann. Am naheliegendsten ist der BMW CE 02, den ich letztes Jahr zwei Wochen lang zusammen mit Sohn I getestet habe. Ähnliche Klasse, ähnliche Leistung, ähnliche Zielgruppe. Die zwei Dinge, die am CE02 am meisten störten waren die fest verbauten Akkus und der Preis von über 8.000€. Und genau an diesen beiden Punkten setzt LiveWire an. Die beiden Bikes im Vergleich:
| LiveWire S4 Honcho | BMW CE 02 (11 kW) | |
|---|---|---|
| Leistung (Spitze) | 10,7 kW / 14,6 PS | 11 kW / 15 PS |
| Gewicht fahrfertig | 118 kg (Street) / 114 kg (Trail) | 132 kg |
| Reichweite (WMTC) | bis 86 km | über 90 km |
| Akkus | 2, entnehmbar | 2, fest verbaut |
| UVP Deutschland | 5.699 € (Street) / 5.299 € (Trail) | ab ca. 8.500 € |
Bei der Leistung herrscht also praktisch Gleichstand. Beim Gewicht liegt die Honcho 14 Kilo vorn. Bei der Reichweite gibt BMW etwas mehr an, allerdings kamen wir im Alltag eher auf 60 bis 80 Kilometer. Wie viel von den 86 Kilometern der Honcho übrig bleibt, muss ein echter Test zeigen. Beim Preis liegen rund 2.800 Euro zwischen den beiden.
Nebenbei lohnt ein Blick zurück. Als LiveWire das Konzept im Sommer 2025 noch als „Minimoto“ vorstellte, war von bis zu 160 Kilometern Reichweite die Rede. Auf der EICMA letztes Jahr hieß es dann „um 100 km“ und „um 5.000 Euro“. Die Serie landet jetzt bei 86 km und 5.699 Euro. Das ist nicht dramatisch, aber gut zu wissen.
Fahreindrücke: Honcho Trail im Gelände
Im groben Geläuf fahre ich die Honcho eher wie einen Flat Tracker als wie eine Enduro. Im Stehen in den Rasten ist sie mir schlicht zu klein, da findet mein Körper keine sinnvolle Position. Im Sitzen funktioniert es besser: Gewicht nach hinten, in den Fußrasten abstützen, dann geht es ganz gut.









Die 12-Zoll-Räder mit Maxxis-Stollenreifen bieten im Gelände nicht die gleiche Voraussetzung wie ein 19″ oder 21″ Vorderrad. Aber wir wollen hier auch kein Motocross fahren. Was mich eher stört: Das Einlenkverhalten in Kurven ist etwas indifferent, und die Schläge vom Vorderrad kommen deutlich im Lenker an. Ob das an den Reifen liegt oder an der 31-mm-Upside-down-Gabel mit laut Hersteller 130 mm Federweg, kann ich nach 40 Minuten nicht seriös beurteilen.
Das Handling insgesamt ist trotzdem gut. Die 114 Kilo der Trail-Version machen wenig Arbeit, auch beim Rangieren und Wenden auf der Wiese (sie hat sogar einen Rückwärtsgang). Der Antritt ist forsch und macht Spaß, im Standard- wie im Powermodus. Gewechselt wird per Starttaste, eine kleine Leuchte zwischen den Lenkerklemmen zeigt grün für Standard und lila für Power. Daneben sitzt eine zweite Leuchte für den Akkustand. Springt sie von grün auf gelb-orange, wird es Zeit für die Steckdose. Eine Restreichweite in Kilometern zeigt die Trail nicht an, nur diese Ampel. Wie sich die Modi auf die Reichweite auswirken, konnten wir in der kurzen Zeit ohnehin nicht überprüfen.
Was die LiveWire S4 Honcho gut macht
Die Sitzbank ist breit und bequem. Die beiden Akkus lassen sich leicht entnehmen und liefern auf dem Papier eine akzeptable Reichweite für den urbanen Einsatz. Unter der Sitzbank bleibt noch ein kleines Staufach, laut Hersteller gut acht Liter. Das reicht für den kleinen Einkauf, die Regenjacke oder was auch immer.







Das Design ist gut gemacht. Der sichtbare Stahlrohrrahmen setzt einen eher klassischen Akzent, und gerade die gestrippte Trail-Version hat einen schönen, puristischen Look. Die Street-Version trägt etwas mehr mit sich herum: Display, Scheinwerfer, Kennzeichenhalter und Blinker (die mir eine Nummer zu groß geraten sind, aber das kann man ja ändern). Sie ist A1- und B196-tauglich und bringt einiges mit, was der Trail fehlt: eine Kombibremse, eine dreistufig einstellbare Rekuperation, ein LCD-Display statt zwei Statusleuchten und zwei statt einem Jahr Garantie. Dafür kostet sie 400 Euro mehr.
Fazit: Für wen passt die LiveWire S4 Honcho?
Die Trail-Version ist ein charmantes Spielzeug für eine sehr kleine Gruppe: Menschen mit eigenem Gelände, Zugang zu einer Strecke oder einem Ferienhaus mit viel Wiese drumherum. Für alle anderen bleibt sie ein schönes Fotomotiv.
Spannender ist die Street. Auf dem Papier beantwortet sie ziemlich genau die Fragen, die der CE 02 offen gelassen hat: Sie ist leichter, hat entnehmbare Akkus und kostet knapp 3.000 Euro weniger. Ob sie sich im Stadtverkehr auch so fährt und was von den 86 Kilometern im Alltag übrig bleibt, muss aber ein ausführlicherer Test zeigen.
Beide Versionen sollen laut LiveWire noch in diesem Herbst bei den Händlern stehen.
Mehr Testberichte rund um Elektromobilität findest Du hier.
Fotos: Livewire / Andrea Vailetti
Schreibe einen Kommentar