Mein erster Gedanke beim Foto war: Das ist ein Rendering. Irgendjemand hat einer KI „Motorrad, Industrie, Waben“ gegeben und das Ergebnis gepostet. Dann habe ich reingezoomt. Schraubenköpfe, Schleifspuren an den Kanten, ein Tank mit Glanz, ein Rahmen ohne. Das Ding ist echt. Und es ist eine Royal Enfield Bear 650.

Die Bear 650 Custom heißt „Project MEGA“ und kommt von Noel Muller aus Brisbane, besser bekannt als Black Cycles. Entstanden ist sie für Royal Enfields Custom-World-Programm, in Zusammenarbeit mit Pipeburn. gestern Abend wurde sie vorgestellt und mir in meinen Instagram-Feed gespült.
Eine Bear 650, die man suchen muss
Wer die Bear 650 kennt, findet hier nicht viel wieder. Ich bin sie im letzten Jahr zwei Tage durch Brandenburg und über die Elbfähren gefahren, und mein Fazit damals war: ein freundlicher, unaufgeregter Scrambler.
Von diesem Motorrad ist bei MEGA im Wesentlichen der Parallel-Twin übrig. Und selbst der hat einiges abbekommen: Gussmarken weggeschliffen, die untere vordere Motoraufnahme entfernt, Einspritzung raus, ein Mikuni TM40 Flachschiebervergaser rein. Den rechten Motordeckel hat Muller gegen einen von der Interceptor getauscht. Nicht aus technischen Gründen. Ihm gefiel der Schriftzug in einer Zeile besser. So etwas mag ich.
Die Auspuffanlage aus Edelstahl kreuzt unter dem Motor, Muller nennt das „X-it“. Den Wortwitz lasse ich gelten.






Aluminium-Rahmen und halbierte Geländewagenfelgen
Angefangen hat Muller nicht beim Motor, sondern bei den Rädern. Es sind 4WD-Beadlock-Felgen, eigentlich für Geländewagen gedacht und für ein Motorrad viel zu breit. Also wurden sie halbiert: drei Zoll raus, verschweißt, zentriert, Endbreite 5,5 Zoll. Hinten sitzt das Rad an einer Einarmschwinge aus der Triumph 955i, vorne an einer neu gefertigten Nabe.
Vorne hatte Muller ursprünglich ebenfalls eine einseitige Führung geplant. Dann fiel ihm auf, dass er noch nie eine asymmetrische Geländewagenfelge zwischen zwei klassischen Gabelholmen gesehen hatte. Also doch Upside-Down-Gabel, Gabelbrücken um 60 Millimeter verbreitert. Begründung: noch nie gesehen. Reicht als Argument.
Der Rahmen besteht aus 32-Millimeter-Aluminiumrohr, der Motor trägt mit. Was mir erst beim dritten Hinsehen auffiel: Die Rohre wirken gerade, sind aber alle leicht gebogen. Man sieht es nicht wirklich, aber man spürt, dass der Rahmen weniger hart wirkt, als er müsste.
Die Panels: Waben aus 4 mm Alu
Und dann die Seitenteile. Für mich das Herz dieses Umbaus und etwas, das ich so noch nicht gesehen habe. Organisch, wabenartig, als hätte ein riesiger 3D-Drucker das Aluminium um das Motorrad herum wachsen lassen. Genau diese Wirkung wollte Muller laut eigener Aussage erzielen.
Nur gab es keinen Drucker. Jedes Panel ist von Hand aus 4 mm Aluminiumplatte gesägt. Schablone anfertigen, anzeichnen, in jede Ecke jeder Öffnung ein Loch bohren, mit der Druckluft-Säge verbinden, schleifen, verrunden, sandstrahlen, mattklar versiegeln. 40 bis 50 Stunden hat das gedauert, nur für die Panels.









Das ist der Widerspruch, der mich an diesem Motorrad am meisten reizt: Es sieht aus wie aus der Maschine und ist vermutlich das am mühsamsten von Hand gefertigte Teil daran. Dirk Oehlerking hat für seinen „Kingsman“ auf Shotgun-Basis letztes Jahr ebenfalls Alu von Hand geformt, allerdings 2 mm dick und in fließende Art-Deco-Flächen getrieben. Beides ist Handwerk mit Aluminium, aber es kommt zu entgegengesetzten Ergebnissen. Beim Kingsman verschwindet die Arbeit in der glatten Fläche, bei MEGA wird sie durch jedes Loch sichtbar.
Kleine Details, große Geduld
Fast 200 Edelstahl-Inbusschrauben stecken in dem Umbau, 96 davon allein in den Beadlock-Ringen. In jeden Kopf hat Muller eine Sieben-Grad-Fase gedreht. Jede einzelne. Ich hätte nach der zwölften aufgehört und mir eingeredet, dass das niemand merkt.
Weitere Details, die mir gefallen:
- Der Lenker ist aus demselben Rohr wie der Rahmen, Gasgriff innenliegend. Zwei versteckte Taster unter dem linken Griff steuern acht Funktionen, von Zündung bis Blinker.
- Der Hauptbremszylinder vorne sitzt unsichtbar in der rechten Tankhälfte und wird per Seilzug betätigt. Links im Tank: rund neun Liter Sprit.
- Das Kennzeichen fährt elektrisch unter der Sitzbank aus. TÜV sagt nein.
- Die Wellenprofile der Bremsscheiben greifen die Formensprache der Panels auf.
Farbe: ein Olivgrün, das alles zusammenhält
Die Grundlage ist ein Gold-Bronze-Ton von Toyota für den Land Cruiser, mit Schwarz abgedunkelt zu einem tiefen Olivgrün. Der Rahmen ist matt, der Tank glänzend. Alles andere, einschließlich Motor und Panels, ist in Grautönen lackiert, die rohes Aluminium imitieren. Dazu kommen gebürstete Beadlock-Ringe und Metzeler Karoo Street mit grobem Profil an beiden Enden.
Für mich ist das der Grund, warum MEGA trotz des vielen Materials nicht überladen wirkt. Die Farbgebung ist ungewöhnlich homogen, nichts schreit, nichts fällt aus dem Rahmen. Dadurch kann der Blick an den Formen hängen bleiben und nicht an Farbflecken.
Kunst oder Motorrad?
Etwa 600 Stunden in fünf Monaten hat der Bau gedauert. Und, wie bei jedem Umbau dieser Art, stellt sich die Frage: Kann man das fahren? Auf dem Papier ja. Die Federung funktioniert, die Bremse ist aus der KTM 990 Super Duke, der Motor läuft. Aber neun Liter Tankinhalt, ein 180er-Reifen vorne und acht Funktionen auf zwei Tastern lassen mich vermuten, dass MEGA keine Tagestour an der Havel entlang fahren wird. Das ist auch nicht ihre Aufgabe.
Vor über zehn Jahren schrieb ich hier über Max Hazan, dessen Umbauten auf Enfield-Basis mich durch die Faszination puren Metalls begeistert haben. MEGA gehört in dieselbe Kategorie. Es ist ein Objekt, das zufällig einen Anlasser hat.
Wer ein Custombike sucht, das man nachbauen oder im Alltag fahren kann, ist bei der Fury 650 von Fuel oder der Supermoto-Bear von LSL besser aufgehoben. Wer sich dagegen dafür interessiert, wie weit man eine Serienmaschine treiben kann, bevor sie etwas anderes wird, sollte sich die Bilder von Project MEGA ruhig ein paar Mal ansehen. Ich habe es getan.
Bilder: Gold Coast Studios / Pipeburn
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