Der Film beginnt mit einem zugeklappten Laptop. Kurz nach sechs. Ich stehe auf dem Hof, den Helm in der Hand, und im Kopf läuft das letzte Meeting weiter, obwohl längst niemand mehr spricht. Wenn das ein Film wäre, würde jetzt die Kamera langsam näher fahren, und irgendwo finge eine Gitarre an. Es ist kein Film. Es ist ein ganz normaler Arbeitstag, und der hat noch eine Szene übrig.

Vor mir steht die Royal Enfield Goan Classic 350. Rot und Schwarz, Weißwandreifen, ein Lenker, der aussieht, als wolle er mir etwas zurufen. 1969 fuhren zwei Männer auf Choppern los, ohne zu wissen, wohin. Ich weiß es sehr genau: einmal durch Kreuzberg, dann an die Spree, dann Eis. Danach nach Hause. Easy Rider mit Zielangabe.
Der Held nimmt Platz
Ich schwinge das Bein über den Einzelsitz und lande weich. Beim Aufsitzen merke ich, wie hoch die Arme plötzlich gehen. Der Ape-Hanger zieht sie nach oben, die Schultern folgen, der Rücken wird gerade. Ich rechne mit Ungewohntem. Ich bekomme Bequemlichkeit.

Die Goan ist eines der bequemsten Motorräder, auf denen ich je gesessen habe. Einzelsitz, hoher Lenker, leicht vorverlegte Fußrasten: Die Sitzposition ist so entspannt, dass ich nach ein paar Minuten vergesse, darauf zu achten. Laut Hersteller liegt die Sitzhöhe bei 805 Millimetern, fahrbereit wiegt sie 197 Kilo. Beim Rangieren merke ich das Gewicht. Sobald sie rollt, ist es weg.
Schnitt.
Erster Gang, erste Szene
Startknopf. Der Einzylinder meldet sich, ohne sich in den Vordergrund zu drängen. Ein Drehzahlmesser fehlt, was ehrlich gesagt zur Ausrichtung des Motorrads passt.









Dann die Schaltwippe: Herunterschalten mit der Fußspitze, hochschalten mit der Hacke. Ich schalte in den ersten Minuten ein paarmal falsch, danach nie wieder. Wer fleißig durch die Gänge klackt, bekommt aus dem Einzylinder eine passable Beschleunigung. Laut Hersteller sind es 20,2 PS bei 6.100 Touren und 27 Newtonmeter bei 4.000. Über Leistung müssen wir hier nicht reden. Das ist Teil des Charmes: Die Goan verspricht nichts, was sie nicht halten kann.

Die Kamera fährt mit mir durch Kreuzberg. Altbaufassaden ziehen vorbei, mal rosa gestrichen, mal mit Graffiti überzogen. Der Auspuff bollert untenrum sympathisch, und ich fange an, Ampeln nicht mehr als Störung zu sehen, sondern als Einsatzstichwort.
20 PS und ein Wohlfühlkorridor
In der Stadt fühlt sich die Goan zu Hause. Aber ich habe auch gemerkt, wo ihr Wohlfühlkorridor liegt: Auf der Landstraße sind es 80 km/h, Autobahn habe ich erst gar nicht probiert. Alles, was in Richtung 100 geht oder darüber mag sie nicht sonderlich. Der Motor sagt das nicht in Worten, sondern in Tönen. Untenrum bollert er, obenrum klingt er etwas angestrengt.
Die Goan will halt nicht die Erste sein. Sie will dort ankommen, wo man sie ansieht.
Der Umweg durch Kreuzberg und Treptow
Dann kommt der Abschnitt, in dem im Film normalerweise eine Montage läuft: ein Motorrad, Licht zwischen Bäumen, Wasser. Bei mir ist es die Spree. Ich fahre rund um den Treptower Park, und irgendwo im Wasser stehen die Aluminiumfiguren des Molecule Man, als würden sie sich unterhalten.


Ich stelle die Goan auf den Seitenständer, lehne mich ans Geländer und schaue eine Weile. Kein Telefon, keine Mail. Der Umweg, der eine halbe Stunde dauert, fühlt sich an wie ein kleiner Urlaub für den Kopf. Das Motorrad hat nichts damit zu tun, außer dass es nichts anderes will. Kein Display, kein Fahrmodus, keine Ablenkung. Es lässt mich einfach fahren.
Die Eisdiele: Wo der Cruiser hingehört
Früher fuhr man zum Café, um zu zeigen, wie schnell man dort war. Heute fährt man zur Eisdiele, um zu zeigen, dass man es nicht eilig hat.

Café Racer sind gestrig, wage ich zu behaupten. Der Trend geht zum Eisdielen-Cruiser, und die Royal Enfield Goan Classic 350 steht dabei ganz vorn, zumindest vor dieser Eisdiele.
Für wen die Goan Classic 350 passt
Für alle, die abends eine Stunde übrig haben und niemandem etwas beweisen müssen. Für alle, die Blicke aushalten, ohne sie zu suchen. Und für alle, die einen Umweg brauchen, um den Tag loszuwerden.
Nicht passt sie zu denen, die Kilometer sammeln, Pässe jagen oder Leistung als Argument brauchen. Auch Sozius und Stauraum gibt es nur als Zubehör. Ein Reisemotorrad ist sie nicht. Im Film würde sie nach der Eisdiele keinen Highway hinauffahren, sondern ein Stück Feldweg nehmen und dann wieder in die Stadt zurückkehren.
Abspann.
Das Eis ist aufgegessen. Der Kopf ist leerer als vorher. Das Grinsen im Helm bleibt, bis ich zu Hause die Maschine abstelle.

Finde hier auch andere Royal Enfield-Testberichte. Die Fotos in diesem Artikel hat der groaßrtige Stephan Schaar gemacht, vielen Dank dafür.
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