Eine Runde vor Schluss, Nürburgring, Sonntagnachmittag: Tom Kalender hängt im Windschatten von Marco Wittmann, die Lücke schmilzt mit jeder Kurve. Vorne kein Zittern zu sehen, hinten steuert ein 18-Jähriger auf sein erstes DTM-Podium zu. Genau in diesem Moment kippt das Wochenende von „solide“ zu „das muss man gesehen haben“.

Elfter und zwölfter Saisonlauf: zwei Rennen, zwei Sieger

Die DTM war am 15. und 16. August mit dem elften und zwölften Saisonlauf in der Eifel zu Gast, bei sommerlichen Bedingungen und rund 81.000 Zuschauern übers Wochenende. Samstag ging es bei 34 Grad zur Sache, Sonntag etwas milder bei 27 Grad – aber trockener Asphalt an beiden Tagen, keine Regenkarten, keine Ausreden.

Samstag: Cairoli lässt nichts anbrennen

Rennen elf gehörte komplett Matteo Cairoli. Pole, Sieg, schnellste Runde – der Ferrari-Pilot von Emil Frey Racing fuhr von vorne weg und wurde nach 39 Runden mit knapp zehn Sekunden Vorsprung abgewunken. Für einen DTM-Neuling ist das der dritte Saisonsieg, mehr als jeder andere Fahrer im Feld bislang holen konnte.

Dahinter durfte sich Thomas Preining freuen: Zweiter beim Heimrennen seines Teams Manthey, nachdem er auf frische Pirelli-Slicks gewechselt hatte und Boden gutmachte, ohne Cairoli je wirklich zu bedrängen. Marco Wittmann komplettierte als Dritter das Podium – und deutete damit schon an, dass er tags darauf noch nicht fertig war.

Spitzenreiter Maro Engel hielt sich derweil aus den harten Duellen im Mittelfeld heraus und brachte Platz sechs sicher ins Ziel. Wenig spektakulär, aber genau das ist seit Saisonbeginn sein Muster: Engel sammelt Punkte, Wochenende für Wochenende, während andere um Podien kämpfen oder crashen. Diese Konstanz hatte ihn mit einem Vorsprung von 21 Punkten in die Eifel gebracht – und sie sollte am Sonntag eine harte Prüfung bekommen.

Ergebnis Samstag, Top 5

  1. Matteo Cairoli (Emil Frey Racing)
  2. Thomas Preining (Manthey), +9,973 Sekunden
  3. Marco Wittmann (Schubert Motorsport), +13,756 Sekunden
  4. Ben Dörr (Dörr Motorsport), +14,569 Sekunden
  5. Lucas Auer (Mercedes-AMG Team Landgraf), +15,373 Sekunden

Wild war das Rennen vor allem im Hinterfeld: Am Ende sahen nur zwölf der gestarteten Autos die Zielflagge, in der Schlussphase zog sogar Rauch der nahen Eifel-Waldbrände über die Strecke. Mittendrin: Tom Kalender und Nicki Thiim gerieten im Bereich der Schikane aneinander und schossen beide geradeaus. Kalenders Auspuff wurde dabei so beschädigt, dass sein Rennen vorzeitig zu Ende war, Thiim kassierte für den Kontakt eine Penalty-Lap und wurde am Ende nur Elfter. Bei HRT Ford stellte man derweil Arjun Maini und Finn Wiebelhaus bewusst früh ab: Nach einer Startaufstellungsstrafe wegen eines Testreglement-Verstoßes war für beide ohnehin kein Ergebnis mehr drin, stattdessen sparte man ihre Reifen für den Sonntag.

Sonntag: der Dreikampf, der alles auf den Kopf stellt

Dann kam Rennen zwölf, und die Eifel zeigte, warum Motorsport manchmal besser ist als jedes Drehbuch. Schon in der ersten Kurve kracht es: Engel setzt beim Überholversuch gegen seinen Markenkollegen Lucas Auer an, dreht ihn – und nimmt sich damit selbst aus dem Rennen. Auer schleudert in der Folge zurück und erwischt dabei noch Kelvin van der Linde, auch für ihn ist das Wochenende gelaufen. Engel übernahm die Schuld direkt im Interview, die Sportkommissare sahen es genauso: Sie werteten ihn als alleinigen Verursacher und versetzten ihn für das nächste Rennen am Sachsenring um drei Startplätze zurück. Für Engel ist es der erste Ausfall und die erste Nullrunde der gesamten Saison 2026 – nach einer Serie, in der er zuvor nur ein einziges Mal ohne Punkte geblieben war.

Nach dem Restart übernimmt Pole-Setter Jules Gounon zunächst die Führung vor Ben Dörr und Cairoli. Marco Wittmann, der nur von Startplatz sechs losgefahren war, profitiert derweil von den Fehlern der Konkurrenz und einem cleveren Undercut beim ersten Boxenstopp. Dörr verliert bei seinem eigenen Stopp erneut wertvolle Zeit, weil sein Team das rechte Vorderrad nicht richtig befestigt – der McLaren-Pilot rutscht direkt danach in der ersten Kurve geradeaus und bringt damit das zweite Safety-Car des Rennens auf die Strecke. Gounon, zu diesem Zeitpunkt Sechster, muss anschließend wegen zu hoher Geschwindigkeit in der Boxengasse eine Penalty-Lap absolvieren und fällt bis auf Platz 14 zurück. Wittmann übernimmt damit erstmals die Führung, gefolgt von Preining und Thiim.

Die eigentliche Geschichte des Tages schreibt aber Tom Kalender. Der Youngster, der dank seines Samstags-Ausfalls noch einen kompletten, ungenutzten Reifensatz übrig hatte, setzt auf einen späten Wechsel, kommt mit frischen Pirellis als Fünfter zurück auf die Strecke und arbeitet sich mit sauberen Manövern nach vorne. Eine Runde vor Schluss zieht er an Preining vorbei, schließt sogar noch zu Wittmann auf – am Ende reicht es aber nicht mehr. Wittmann gewinnt mit 0,517 Sekunden Vorsprung, seinen 20. DTM-Sieg und den ersten seit zwei Jahren. Kalender feiert als Zweiter sein DTM-Debütpodium, nachdem er innerhalb des Rennens neun Positionen gutgemacht hat. Preining wird Dritter und verpasst die Tabellenführung um einen einzigen Punkt.

Ergebnis Sonntag, Top 5

  1. Marco Wittmann (Schubert Motorsport)
  2. Tom Kalender (Mercedes-AMG Team Landgraf), +0,517 Sekunden
  3. Thomas Preining (Manthey), +0,918 Sekunden
  4. Arjun Maini (HRT Ford Racing), +2,571 Sekunden
  5. Mirko Bortolotti (TGI Team by GRT), +3,112 Sekunden

Drei Fahrer, ein Punkt Unterschied an der Spitze, nur noch vier Rennen zu fahren. Mehr Spannung geht kaum.

Nicki Thiims verpasstes Podium

Nicki Thiim war am Sonntag näher dran, als es die Ergebnisliste am Ende zeigt. Nach den zweiten Boxenstopps lag der Aston-Martin-Pilot zwischenzeitlich auf Rang drei, direkt hinter Wittmann und Preining. Dann geht ihm gegen Ende die Pace aus: Erst zieht Kalender vorbei, dann auch Engstler und Maini – am Ende bleibt nur Rang sieben.

Frischere Reifen als seine unmittelbaren Verfolger hatte Thiim dabei nicht: Er war das Samstagsrennen komplett durchgefahren, genau wie Wittmann und Preining. Kalender und Maini dagegen kamen beide mit einem geschonten Reifensatz in den Sonntag – Kalender wegen seines ungewollten Ausfalls, Maini wegen HRTs bewusster Entscheidung, ihn und Wiebelhaus samstags früh abzustellen. Beide fuhren am Ende an Thiim vorbei. Der Samstag selbst war für den Dänen ohnehin kein guter Tag gewesen: Nach der Kollision mit Kalender in der Schikane und der folgenden Penalty-Lap wurde er nur Elfter. In der Gesamtwertung liegt Thiim nach dem Wochenende 21 Punkte hinter Engel auf Rang drei.

Blick voraus: Der DTM-Kalender 2027 steht

Mitten ins Wochenende kam am Freitag noch eine weitere Nachricht: Die DTM hat ihren Kalender für 2027 veröffentlicht. Acht Rennwochenenden, 16 Läufe, drei Länder. Los geht es vom 23. bis 25. April auf dem Red Bull Ring in Österreich, danach folgen Oschersleben, der Lausitzring und der Norisring in Nürnberg. Im August geht es zunächst zum Circuit Zandvoort an die niederländische Nordseeküste, bevor die Serie Ende August zurück an den Nürburgring kommt. Sachsenring und das traditionelle Finale in Hockenheim beschließen die Saison Anfang Oktober.

Laut dem DTM-Ausrichter ADAC sei die Zuschauerzahl in den ersten fünf Events der laufenden Saison um 13 Prozent gestiegen – ein Grund, warum der Kalender 2027 bewusst auf bewährte Strecken setzt statt auf Experimente. Tickets für 2027 gibt es ab dem 11. Oktober, dem Finaltag der aktuellen Saison.

Vier Rennen, ein Punkt

Nach dem Nürburgring-Wochenende trennt Engel und Preining nur noch ein einziger Punkt an der Tabellenspitze, Kalender hat sich mit seinem Debütpodium selbst ins Titelrennen katapultiert. Vier Rennen bleiben in dieser Saison – genug, damit sich das Ergebnis am Sachsenring und in Hockenheim noch mehrfach drehen kann.