Zwei Renntage am Lausitzring, und kein einziger davon lief nach Plan. Am Samstag kippt ein Gewitterguss kurz vor dem Start die gesamte Reifenstrategie, am Sonntag ist es die Hitze, die über Sieg und Niederlage entscheidet. Dazwischen ein Sieger, der erst vier Stunden nach der Zielflagge feststeht, ein erstes Podium für Aston Martin und eines für Ford nach siebenunddreißig Jahren. Es war mein erstes Wochenende als akkreditierter Fotograf/Journalist an dieser Strecke – und es hätte kaum besser zeigen können, warum diese Serie so schwer berechenbar bleibt. Hier die beiden Tage, wie ich sie an der Strecke erlebt habe.
Tag 1: Slicks im Regen und ein Sieger, der vier Stunden auf sich warten ließ
Es schüttet. Nicht der feine Niesel, mit dem man noch verhandeln kann, sondern ein richtiger Gewitterguss, und er kommt genau in dem Moment, in dem zwanzig GT3-Autos in der Startaufstellung stehen und nichts mehr ändern können – außer die Reifen. Auf der Boxenmauer wird hektisch gerechnet, an den Autos wird geschraubt, und ich denke: Das wird gleich interessant. Was es dann auch wurde.
Zum ersten Mal mit Akkreditierung
Vorweg eine Sache in eigener Sache. Ich war dieses Wochenende zum ersten Mal nicht als zahlender Besucher am Lausitzring, sondern akkreditiert – mit Fotoweste, Zugang zur Boxengasse und zur Mixzone. Das verändert den Blick. Man steht nicht mehr hinter dem Zaun, sondern an der Mauer. Man hört nicht nur die Autos, man hört auch, was die Mechaniker sich zurufen. Und man merkt schnell, dass die DTM eine erstaunlich nahbare Serie ist – dazu am Ende mehr.
Klettwitz, Saisonläufe fünf und sechs von sechzehn. Aus Berlin ist die Anreise überschaubar, was nach Zandvoort eine kleine Erholung ist.
Der Vormittag gehört dem Nachwuchs und dem Lärm
Los geht der Tag mit den Qualifyings der Rahmenserien, und hier feiert der BMW M2 Cup seine Premiere. Neuer Markenpokal, Einsteigerserie im DTM-Programm, gedacht für junge Fahrer ab fünfzehn. Laut BMW soll der M2 Racing das Einstiegssegment neu definieren und das Renngeschehen selbst macht tatsächlich Spaß beim Zugucken. Fahrer, die noch nichts zu verlieren haben, und entsprechend mutige Manöver. Als Premiere ein guter Einstand.
Danach der Porsche 911 Carrera Cup Deutschland, den wir schon in Zandvoort hatten. Und es bleibt dabei: Wenn über zwanzig nahezu baugleiche Elfer mit demselben Sechszylinder-Boxer gleichzeitig hochdrehen, ist das kein Sound mehr, das ist eine körperliche Erfahrung. Laut. Beeindruckend. Man spürt es im Brustkorb.
In den Trainings und Rahmenrennen probiere ich verschiedene Fotopositionen durch, lande aber doch wieder da, wo ich auch sonst stehen würde: an der Schikanenkombination am Ende der Geraden. Hier wird gebremst, hier wird verzögert, hier entstehen die Rad-an-Rad-Kämpfe – in jeder Klasse. Meine Lieblingsecke.
Qualifying: Aston-Martin-Pole, BMW-Pleite
Um neun Uhr morgens, bei schon 28 Grad, fährt Nicki Thiim die DTM-Pole heraus – 1:19,463, laut Zeitnahme ein neuer Streckenrekord, und das ausgerechnet bei Bedingungen, die er selbst nicht als seine bezeichnet. Zweite Pole seiner DTM-Karriere, die erste mit Aston Martin. Dahinter, nur sechs Hundertstel zurück, Arjun Maini im Ford Mustang, der seine Einrundenpace eindrucksvoll bestätigt. Das Mercedes-AMG-Trio Auer, Gounon, Engel folgt auf den Plätzen drei bis fünf.
Bitter wird es weiter hinten. Porsche enttäuscht – Preining kommt im „Grello“ nicht über Platz zwölf hinaus. Und BMW erlebt einen rabenschwarzen Morgen: Wittmann und van der Linde auf den Plätzen 18 und 19, am Ende des Feldes. Pikant, weil van der Linde vor zwei Wochen in Zandvoort noch gewonnen hat – und weil er an diesem Tag dreißig wird. Sein Kommentar dazu fällt entsprechend trocken aus, sinngemäß: Man wird wohl langsamer mit dreißig. Wenn auch Teamkollege Wittmann so weit hinten steht, liegt das Problem eher nicht am Fahrer.








Das Rennen: Wetter schreibt das Drehbuch
Und dann der Guss. Kurz vor dem Start setzt der Niederschlag ein, hört zu Rennbeginn aber wieder auf – der klassische Moment, in dem niemand weiß, was richtig ist. Die meisten Teams ziehen Regenreifen auf. Ein paar Mutige riskieren Slicks, darunter Polesetter Thiim, dazu Dörr, Mapelli, Feller und Wittmann. In den ersten Runden geht das nach hinten los, die Slick-Fahrer hängen hinten, es geht ums nackte Überleben. Thiim wird mir das später in der Mixzone bestätigen: erst mal ein, zwei Runden durchkommen.
Dann trocknet der Asphalt ab, und das Bild kippt. Thiim arbeitet sich nach vorne, übernimmt vor dem Boxenstoppfenster wieder die Führung, baut auf Slicks sogar einen Vorsprung auf. Strategie aufgegangen, könnte man meinen. Aber die DTM wäre nicht die DTM, wenn jetzt nicht das Timing zuschlagen würde.
Glock rollt mit technischem Defekt im McLaren aus. Thiim biegt in Runde 13 an die Box ab. Eine Runde später kommt das Trio Mapelli, Dörr, Feller – wenige Sekunden, bevor eine Full-Course-Yellow das Feld einbremst. Wer unter Gelb stoppt, spart Zeit. Das Trio liegt anschließend über zwanzig Sekunden vor Thiim. Genau das nimmt dem Polesetter den Sieg, und er weiß es. Das habe ihn den Sieg gekostet, sagt er mir hinterher, zuckt aber mit den Schultern: Mit Slicks könne man bei dem Wetter auch gleich in Kurve eins einschlagen. Am Ende Platz vier – mehr Hadern lohnt nicht.
Der Sieger steht erst am Abend fest
Über die Ziellinie fährt Mapelli im Lamborghini Temerario als Erster, Dörr Zweiter, Feller Dritter. Drei Mutige, die mit den Slicks recht behalten haben. So weit das Bild auf der Strecke.
Dann beginnt das zweite Rennen, das im Rechnerraum. Die Sportkommissare untersuchen mehrere Fahrer wegen zu hoher Geschwindigkeit unter Full-Course-Yellow – das Tempolimit liegt bei 80 km/h. GPS-Daten, Fahrzeugdaten, Anhörungen der Teams, das Ganze zieht sich. Über vier Stunden nach Zielflagge steht das korrigierte Ergebnis: Mapelli kassiert fünfzehn Sekunden Strafe und verliert den Sieg. Feller kassiert ebenfalls fünfzehn Sekunden, behält aber Rang drei, weil Thiims Rückstand groß genug war.
Sieger ist damit Ben Dörr – der erste DTM-Erfolg für McLaren überhaupt, und der fünfte verschiedene Sieger im fünften Saisonlauf. Für Dörr, der in Zandvoort sein erstes reguläres Podium geholt hatte, ist das die nächste Stufe. Schnellste Rennrunde übrigens Maro Engel; die Tabellenführung holt sich Lucas Auer als Sechster zurück.
Bitter trifft es den Lokalmatador: Maximilian Paul aus Dresden, vermeintlich Sechster, wird wegen desselben Vergehens auf Platz vierzehn zurückgereiht. Ein starkes Heimergebnis, das im Nachgang zerbröselt.
Fazit Tag 1
Der Samstag war ein Lehrstück darüber, wie viel ein Reifenpoker wert sein kann – und wie wenig, wenn ein Tempolimit dazwischenfunkt. Für Mutige wie Dörr hat sich das Risiko ausgezahlt. Für Thiim, der dasselbe Risiko ging und an einer Gelbphase scheiterte, eben nicht. So nah liegt das beieinander.
Ergebnis Rennen 1 – Dekra Lausitzring (5. Saisonlauf)
| Pos. | Fahrer | Team | Rückstand |
|---|---|---|---|
| 1 | Ben Dörr | Dörr Motorsport (McLaren) | – |
| 2 | Marco Mapelli | Red Bull Team Abt (Lamborghini) | +13,136 s |
| 3 | Ricardo Feller | Manthey (Porsche) | +17,732 s |
| 4 | Nicki Thiim | Comtoyou Racing (Aston Martin) | +23,435 s |
| 5 | Marco Wittmann | Schubert Motorsport (BMW) | +24,749 s |
Tag 2: Cairoli hält den Kopf kühl, Thiim gibt alles
Nicki Thiim steigt aus dem Aston Martin, und man muss ihm nichts fragen, um zu wissen, wie das Rennen für ihn gelaufen ist. Der Overall komplett durchgeschwitzt, die Bewegungen die eines Mannes, der dehydriert ist und gerade zweiundvierzig Runden bei zweiunddreißig Grad alles gegeben hat. Im Gesicht zuerst der Frust – er hatte am Ende das schnellere Auto und kam trotzdem nicht an Cairoli vorbei. Dann, langsam, die Freude. Genau das Podium, das ihm am Samstag verwehrt geblieben war.
Heiß, trocken, und die Reifen entscheiden
Am Sonntag bleibt der Regen weg, dafür legt die Hitze noch eine Schippe drauf: zweiunddreißig Grad, Sonne, kein Wölkchen, das Strategie-Roulette spielt. Womit der Faktor des Tages feststeht, bevor das Rennen überhaupt losgeht: der Reifen. Wer ihn schont, gewinnt. Wer ihn überfordert, verliert ihn – und damit das Rennen.
Auf Pole steht diesmal Arjun Maini im Ford Mustang, der am Samstag in der ersten Reihe stand und jetzt ganz vorne. 1:19,750, später fährt er auch die schnellste Rennrunde. Nur ummünzen kann er das nicht. Genau das ist die Geschichte seines Sonntags.
Das Rennen: ein kühler Kopf gegen ein heißes Auto
Cairoli geht von Platz zwei ins Rennen und macht das, was Spitzenfahrer in solchen Rennen eben machen: nichts Spektakuläres, aber alles richtig. Er hängt bis zum ersten Stopp gut eine Sekunde hinter Maini, kommt in Runde zehn früh an die Box, und als Maini später wechselt und auf noch kalten Slicks herauskommt, ist der Italiener in Runde dreizehn vorbei. Danach kontrolliert er.





Hinter ihm wird es eng. Thiim arbeitet sich auf Platz zwei und beginnt zu drängeln. In den letzten Runden hat er, nach eigener Aussage, das schnellere Auto – aber Cairoli macht keinen Fehler. Vierhundertdreizehn Tausendstel fehlen am Ende. Cairoli wird mir später bestätigen, dass die Reifen am Limit waren und die Hitze brutal – beim Italiener klingt das ehrlich, nicht nach Pressetext.
Für Cairoli ist es der zweite Saisonsieg, der erste Fahrer mit zwei Siegen in diesem Jahr, und damit die Gesamtführung nach sechs Läufen. Für Thiim Platz zwei – und das erste DTM-Podium in der Geschichte von Aston Martin. Nach dem verlorenen Samstag das passende Gegengewicht.
Wiebelhaus und eine 37 Jahre alte Lücke
Das schönste Detail des Tages steht auf Platz drei. Finn Wiebelhaus, in seinem erst sechsten DTM-Rennen, holt im HRT-Ford das erste Podium für einen Ford Mustang GT3 in der DTM – und das erste Ford-Podium in der Serie seit siebenunddreißig Jahren. Davor schiebt er sich mit einem sehenswerten Manöver an seinem eigenen Teamkollegen Maini vorbei, fairer Lackaustausch inklusive. Wiebelhaus, der erst 2020 mit dem Motorsport angefangen hat, spricht hinterher von einem Kindheitstraum. Ich glaub‘ es ihm.
Maini bleibt Vierter – Pole und schnellste Runde, aber kein Podium. So kann ein Tag laufen. Dahinter rundet Mirko Bortolotti im Lamborghini mit Platz fünf sein bislang bestes Saisonergebnis ab.
Was bei der Konkurrenz passiert
Für BMW ist der Sonntag, wie das ganze Wochenende, Arbeit. Wittmann wird Achter, van der Linde Neunter – Letzterer kam zwar auf frischeren Reifen an Wittmann vorbei, fing sich aber nachträglich eine Fünf-Sekunden-Strafe ein. Engel rettet trotz einer Penalty-Lap Platz acht und bleibt im Gesamtklassement Dritter. Preining ist als Zehnter wieder bester Porsche-Fahrer, knapp vor Luggi Auer, der in der Meisterschaft auf Rang zwei zurückfällt.
Ergebnis Rennen 2 – Dekra Lausitzring (6. Saisonlauf)
| Pos. | Fahrer | Team | Rückstand |
|---|---|---|---|
| 1 | Matteo Cairoli | Emil Frey Racing (Ferrari) | – |
| 2 | Nicki Thiim | Comtoyou Racing (Aston Martin) | +0,413 s |
| 3 | Finn Wiebelhaus | HRT Ford Racing (Ford) | +5,392 s |
| 4 | Arjun Maini | HRT Ford Racing (Ford) | +8,118 s |
| 5 | Mirko Bortolotti | TGI Team by GRT (Lamborghini) | +8,607 s |
Was vom Wochenende bleibt
Was die DTM für mich ausmacht, sieht man nicht im Ergebnisprotokoll, sondern in der Boxengasse und der Mixzone. Fahrer, die sich nach dem Rennen gegenseitig abklatschen und gratulieren, und die sich auch für einen Fotografen mit frischer Akkreditierung Zeit nehmen. Diese familiäre Atmosphäre ist selten geworden im professionellen Motorsport – und sie ist der Grund, warum ich nächstes Mal wieder mit der Kamera an der Schikane stehe.
Bleibt das Sportliche: zwei Renntage, zwei völlig verschiedene Drehbücher, am Samstag der Regenpoker, am Sonntag die Hitzeschlacht. Fünf verschiedene Sieger in sechs Rennen, mit Cairoli als Erstem, der zweimal gewann – und der jetzt die Meisterschaft anführt. Eng ist es ganz vorne trotzdem: Auer auf zwei, Engel auf drei, Wittmann als bester BMW-Mann auf vier.
Weiter geht es schon in zwei Wochen auf dem Norisring (3. bis 5. Juli) – Wittmanns Heimspiel und ausgerechnet die Strecke, auf der Thiim 2024 seine erste DTM-Pole und seinen bislang einzigen Sieg holte. Danach folgt mit Oschersleben (24. bis 26. Juli) das Heimspiel von Schubert Motorsport, ehe es über den Nürburgring (14. bis 16. August) und den Sachsenring (11. bis 13. September) zum Finale auf dem Hockenheimring (9. bis 11. Oktober) geht. Genug Gelegenheiten also, um herauszufinden, ob in dieser Saison überhaupt irgendetwas nach Plan läuft.
Du interessierst Dich für DTM, Formel 1 oder andere Rennserien? Dann hier lang.
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