Es gibt Momente auf Auktionen, wo man kurz zweimal hinschaut. Nicht wegen des Preises – sondern wegen der Frage, was man da gerade vor sich hat. Das hier ist so ein Moment: ein 1969er Mini Marcellino, gerade mal 26 Kilogramm schwer, mit einem 48-cm³-Motor, auf dem Ducati draufsteht. Aktuell beim französischen Auktionshaus Aguttes.

Was steckt hinter der Mini Marcellino Ducati?

Die Geschichte ist ein kleines Stück italo-iberisches Industrietheater. Der ursprüngliche Mini Marcellino kam von DMT – Dinamica Meccanica Tassinari – einem italienischen Hersteller, der Ende der 60er auf den europäischen Minibike-Boom aufsprang. Die Idee damals: kleines Bike ins Auto, letzte Kilometer zur Arbeit damit fahren. Honda hat das später mit dem Motocompo wiederbelebt. Im Gegensatz zum Motocompo sieht der Mini Marcellino aus wie ein Motorrad, nicht wie sein eigener Transportkarton.

Der Ducati-Bezug kommt durch einen Umweg über Spanien. Marcelino Bodegas war Handwerker, Motorsportfan und einer der eigenwilligsten Tuner und Erbauer der valencianischen Region – jemand, der europäische Motoren in selbst entwickelte Rahmen packte und seinen Namen draufschrieb. Er lizenzierte den Mini Marcellino für die spanische Produktion und wählte bewusst keinen Zweitakter wie die Konkurrenz, sondern einen Viertakter von Mototrans – die in Spanien Ducatis unter Lizenz bauten. Der Motor ist laut Auktionshaus ein direkter Nachfahre des Cucciolo, Ducatis erstem Serienmotor überhaupt. 48 cm³, Ducati-Stempel, Bologna-DNA. Ob das reicht, darüber lässt sich streiten. Ich finde: Es reicht.

Was kann sie?

Laut einem zeitgenössischen Bericht der Cycle World schaffte die DMT-Version etwa 40 km/h Spitze und verbrauchte rund 3,3 Liter auf 100 Kilometer. Für die Bodegas-Version liegen mir keine gesonderten Herstellerangaben vor – der Viertakter dürfte sich aber angenehmer angefühlt haben als die Zweitakter-Konkurrenz. Weniger Geratter, mehr Laufruhe. Für eine Stadtmaschine, die junge Fahrer im Spanien der späten 60er in die Mobilität einführen sollte, war das kein schlechter Ansatz.

Was mich mehr interessiert: Die Maschine hat Scheibenbremsen. Vorne und hinten. 1969. Die Honda CB750 – damals das schnellste Serienmotorrad der Welt – hatte hinten noch eine Trommel. Der Mini Marcellino nicht. Warum auch immer jemand bei einem 40-km/h-Minibike auf Scheibenbremsen bestand – chapeau.

Lenker lassen sich klappen, Sitz ist abnehmbar, passt ins Auto. Das war der Witz.

Für wen ist das?

Fahren wird damit vermutlich niemand. Der Zustand ist laut Auktionshaus exzellent, originale Substanz. Ob sie läuft, weiß man nicht. Der Schätzpreis liegt zwischen 500 und 1.000 Euro – für eine Ducati ist das absurd günstig, selbst wenn man großzügig mit dem Begriff „Ducati“ umgeht.

Wer ein echtes Kuriosum sucht, eine Gesprächseröffnung in der Garage oder einfach die kleinste Rote im Regal – hier ist die Gelegenheit. Wer hingegen Desmodromik, V4-Gebrüll und 200 PS erwartet: falscher Jahrgang, falsche Hubraumklasse.

Ein letzter praktischer Hinweis: Der Gewinner muss die Maschine zwischen dem 5. und 10. Mai persönlich in der Nähe von Bagnères-de-Luchon abholen – irgendwo in den Zentralpyrenäen. Eine 26-Kilo-Ducati, am Ende einer Pyrenäen-Passstraße. Irgendwie passt das.

Bilder via Aguttes Auktionshaus