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Motorradblog über Benzinkultur, Motorradtouren und Custombikes

Monat: Januar 2020

Louis Travel Talk: „The Long Way Home – Kurs West“ mit Dennis Ciminski

Während der eine Motorradreisende im Winter zum Nordkapp fährt, touren andere durch die Republik und halten Vorträge über vergangene Touren. In seiner Veranstaltungsreihe „Louis Travel Talk“ bietet der Motorrad-Filialist aktuell Fernreise-Vorträge in den eigenen Filialen an. Referenten sind Andreas Hülsmann sowie Dennis Ciminski, die über Ihre Motorradabenteuern im fernen Osten erzählen.

Der Vortrag „Ost-Erfahrung“ von Andreas Hülsmann berichtet über seine Erfahrungen in den Weiten Sibiriens, der Mongolei und Zentralasien.

Dennis Ciminski gastierte heute abend in der Louis-Filiale in Reinickendorf mit seinem Vortrag „The Long Way Home – Kurs West“. Er berichtet von seiner Motorradreise, die ihn 2017 von der Mongolei bis nach Hamburg führte. Die sieben Wochen lange Reise unternahm er mit Helge, den er übers Internet kennen gelernt hatte. Beide treffen sich zum ersten Mal persönlich in Ulan-Bator bei Entladen ihrer Motorräder und unternehmen gemeinsam den Trip nach Westen.

Auch wenn die visuelle Präsentation nicht perfekt ist – unterschiedliche Bild- und Videoqualität, übersteuerter Ton – hört man Dennis gerne zu. In seiner norddeutschen Direktheit erzählt er anekdotenreich und unterhaltsam von den Erlebnissen auf der Tour. Manchmal versteht man seine Beweggründe, warum er ein gewisses Ziel besuchen wollte, manchmal bleibt es im Dunkeln. Man bekommt ein sehr gutes Gefühl für die absurd langen Distanzen auf der Strecke und fragt sich, warum man freiwillig 1.000km nur geradeaus durch nahezu menschenleere Landschaften fährt. Sehr gut verdeutlicht Dennis die Gastfreundschaft und die Hilfsbereitschaft der Menschen, denen er unterwegs begegnet: „Beurteile nie die Menschen nach dem System, in dem sie leben“. Das Ende des Vortrages kam dann etwas abrupt, da sollte Dennis noch etwas an seiner Abmoderation feilen. Kein perfekter Vortrag, aber einer, der von Herzen kam.

Eine Übersicht über die anstehenden Vorträge findet ihr hier auf der Website von Louis.

Die Geschichte hinter einem Bild

Neulich auf Instagram: beim Scrollen durch meinen Feed blieb ich bei diesem Bild von Natalie Kavafyan hängen. Guy Martin vor Stacheldrahtzaun vor Bergkulisse auf einer modifizierten Triumph Scrambler 1200 XE.

Der Text erwähnt, daß Guy Martin einen Sprung aus „The Great Escape“ nachstellen wollte. Sagte mir nix. So war ich also auf eine kleine Bildungslücke gestossen. Wikipedia verriet mir folgendes:

„Gesprengte Ketten“ ist ein 1962 in Süddeutschland entstandener US-amerikanischer Kinofilm. Er handelt von einem Massenausbruch aus einem deutschen Kriegsgefangenenlager während des Zweiten Weltkriegs. Die Geschichte beruht auf einer wahren Begebenheit. Grundlage für das Drehbuch war das Buch The Great Escape von Paul Brickhill.

Einer der Hauptdarsteller im Film ist Steve McQueen, der Captain Virgil Hilts spielt. Folgende Schlüsselszene ergibt sich im Film:

Hilts stiehlt ein Motorrad und fährt bis zur deutsch-schweizerischen Grenze, er wird jedoch von deutschen Soldaten verfolgt. An der Grenze angekommen springt er mit der Maschine über die erste Grenzbefestigung, allerdings verfängt er sich am Stacheldraht der zweiten Grenzbefestigung und wird festgenommen.

Und so sieht die Szene im Film aus:

Auf YouTube ist noch viel mehr Material zum Thema zu finden, unter anderem ein Interview mit James Sherwin „Bud“ Ekins, einer der bekanntesten Stuntmen in der US-amerikanischen Filmindustrie, der neben „The Great Escape“ auch im legendären Film „Bullitt“ mitwirkte. Er war auch derjenige, der den Sprung im Film machte. Hier das Interview:

Aber zurück zum Instagrampost. Der englische Sender Channel 4 wollte die Szene aus dem Film am Originalschauplatz in Fischen im Allgäu reproduzieren, allerdings mit dem Ziel, beide Zäune zu überspringen. Triumph hat die Produktion mit einer speziell modifizierten Triumph Scrambler 1200 XE unterstützt. Hier ein Behind the Scenes-Bericht von den Hey U Guys:

Ob der Sprung nun gelungen ist, könnt ihr nur im Beitrag von Channel 4 sehen (Registrierung und VPN vorausgesetzt).

Frei zugänglich ist aber das Video aus Guy Martins YouTube-Channel, daß seine Vorbereitung in gewöhnlich humorvoller, aber akribischer Art zeigt.

Habt ihr genug zu kucken für einen Januarsonntag? Viel Spaß damit.

Headerbild: Screenshot Hey U Guys

Motorcycle Movie Night: Fast & Left

Gestern Abend fand im Craftwerk.Berlin das Flattrack Season Opening statt. Zur richtigen Einstimmung wurde – erstmals in Deutschland – die Flattrack Dokumentation „Fast & Left“ von Evan H. Senn gezeigt.

FAST & LEFT – A FLAT TRACK FILM from Evan H. Senn on Vimeo.

Mehr über Evan und den Film findet ihr in diesem Artikel auf Air & Asphalt. Der Film bietet ein spannendes Portrait amerikanischer Flat Track Racer, vom Amateur bis zum Profi. Einerseits sind sie Rivalen auf der Rundbahn, abseits der Strecke ist es aber eine große Familie. Kameradschaft und Hilfsbereitschaft sind allgegenwärtig, die gemeinsame Passion vereint.

Besonders beeindruckend fand ich das Portrait von „Bultaco Bill“ alias Bill Snyder. Er fährt seit seiner Jugend Flat Track, mittlerweile mitte Siebzig will er auf jeden Fall bis über 2020 hinaus Flat Track fahren, um die sechs Dekaden voll zu machen, in dem er dem Sport frönt. Im Film ist es schön zu sehen, wie er auch deutlich jüngeren Fahrern auf der Strecke den Schneid abkauft und souverän seinen Laufsieg einfährt.

Auf den Geschmack bekommen? Dann gibt es rund um Berlin auch gute Gelegenheiten, sich Flat Track Rennen live und in Farbe anzuschauen. Kurz vor den Toren Berlins gibt es in Wolfslake eine Sandrennbahn, auf der sowohl Trainings als auch Rennen stattfinden. Etwas weiter weg findet sich in Parchim den vom Motorsportclub Mecklenburgring Parchim e.V. betriebenen Rundkurs. Um über Veranstaltungen und Trainings auf dem Laufenden zu bleiben könnt ihr auch den Newsletter vom Craftwerk hier abonnieren. Auch findet ihr dort kompetente Ansprechpartner rund um das Thema Flattrack-Rennen oder wie ihr Euch einen eigenen Flattracker aufbaut.

Probefahrt mit der Triumph Scrambler 1200 XE

Manche Inhalte müssen erst gut abhängen, bevor man sie postet. Wie so ein Serranoschinken. Oder wie meine Impressionen mit der Triumph Scrambler 1200 XE, die ich im April 2019 fuhr. Meine Street Triple war beim Service und der erste Vorführer der 1200 Scrambler stand erst seit ein paar Wochen beim Händler. Beste Gelegenheit, die Maschine einmal auszuführen.

Der erste optische Eindruck ist in natura besser als auf den Fotos. Vor mir steht eine erhabene, große Maschine in gewohnter Triumph-Retro-Optik. Die Formensprache orientiert sich an den anderen, klassischen Triumph-Modellen. Was nach Metall aussieht, ist auch Metall, hochwertiges Finish wohin man schaut. Die scramblertypischen Akzente wie breiter Lenker, höhergelegte Auspuffanlage und grobstollige Reifen sind vorhanden.

Wie andernorts schon oft geschildert, ist die XE-Version nix für vertikal herausgeforderte Personen. Mit meinen 1,82m Körpergröße komme ich gerade gut in den Sattel und mit den Füßen auf den Boden. Viel Spiel ist da nicht. Die 1200er Scrambler soll nicht nur nach Gelände aussehen, sie soll es auch können. Dafür gaben die Ingenieure reichlich Federweg mit: Satte 250 mm vorne wie hinten. Unter anderem daraus ergibt sich eine Sitzhöhe von 870 mm. Zum Vergleich: das sind nur 30mm weniger als bei einer 2018er Africa Twin Adventure Sports.

Sitzt man erstmal sicher im Sattel, hat man ein wirklich potentes Bike unter sich. Das Fahrwerk ist voll einstellbar mit einer 47 mm starken Upside Down-Vorderradgabel von Showa und einer Hinterradaufhängung vom Öhlins. Dazu Kurven-ABS und optimierte Traktionskontrolle samt Trägheitsmesseinheit (IMU). Die sechs Fahrmodi der Triumph Scrambler 1200 XE sind auch auf extremes Gelände vorbereitet: „Straße“, „Regen“, „Sport“, „Off-Road“, ein individuell programmierbarer Modus sowie „Off-Road Pro“ (keine Sorge, den habe ich nicht getestet). Dazu kommt ein 21 Zoll großes Vorderrad für bessere Geländeeigenschaften. Ebenso sind die 207 kg Trockengewicht im Klassenvergleich eher wenig.

Doch nun aber den Anlasser gedrückt und der Motor erwacht sonor brabbelnd zum Leben. Klangmäßig muss die Maschine sich mit ihren zwei Arrows-Tüten wirklich nicht verstecken. Los geht es, erstmal aus der Stadt raus. Ab dem Ortsausgangsschild geben ich ihr die Sporen und die maximal 110 Nm Drehmoment bei 3950/min tun das was sie am besten können. Ordentlich Vortrieb generieren. Das macht so viel Spaß, daß ich mehrfach wieder langsamer werde um wieder anzureißen. Meine Albernheit sei mir verziehen. Von der Landstraße geht es ein Stück über die Autobahn, bei 130 km/h dreht die Maschine um die 4000/min. Ich kann mir vorstellen, daß auch lange Reisen auf dieser Maschine gut möglich sind. Für große Touren mögen dem einen oder anderen ein Windschild fehlen, arg viel Platz für Gepäck ist auch nicht. Allerdings war mein Kumpel Tobias letztes Jahr mit seiner XE zwei Wochen in Norwegen unterwegs, auch er vertraut wie ich auf das Taschensystem von Kriega. Berichte seiner Mitfahrer über mangelnde Körperhyiene sind mir nicht bekannt, also hat er wohl gut seine Wechselschlüpper, das Deo und die Zahnbürste unterbekommen. Aber ich lasse Tobi lieber mal selber zu Worte kommen:

„Nach 2.000km Tour durch Süd und Mittel-Norwegen mit der 1200er Triumph Scrambler muss ich sagen, dass das Motorrad die ideale Reiseenduro für Leute ist, denen Reiseenduros nicht gefallen und die Wetterschutz eher anziehen, als dahinter zu sitzen. Und die eher mit leichtem Gepäck auskommen, wobei ich mit der OEM Satteltasche und den 30+10 Liter Kriega US Drybags für 10 Tage mehr als genug Platz hatte und alles darin immer und unter allen Umständen (und die können in Norwegen auch im August bitter nass und kalt sein) trocken blieb. Sitzheizung und Rainmodus helfen natürlich auch sehr und das Fahrwerk planiert auch nicht vorhandene Fahrbahnbeläge gnadenlos zum Teppich. Für die gefühlt 1 Mio. Kurven, oft bergauf, sind Motor und Sitzposition mit dem breiten Lenker wie gemacht, man kann es auch rauchen lassen. Aber vorsichtig: In Norwegen gibt es rigide Speedlimits.
Vorsicht ist ansonsten nur beim Rangieren im Stand und mit Gepäck angebracht, da der hohe Schwerpunkt i.V. Mit dem Gewicht für Leute unter 1,80m zur Herausforderung wird. Also Obacht beim Abstellen. Die serienmäßige Bereifung würde ich heute sofort tauschen, der Tourance (ohne Next) baute nach ca 6TKm deutlich ab, leider auch am Vorderrad. Empfehlung ist hier der Pirelli Scorpion Rally STR.“

Fordert man den Motor etwas mehr mit höheren Geschwindigkeiten, habe ich so den Eindruck, daß ihm etwas die Lust ausgeht. Mit ihren 66 kW/90 PS Leistung ist die Maschine nicht untermotorisiert, aber etwas mehr Druck würde ich mir obenraus schon wünschen. Verläßt man aber geteerte Strassen, brilliert der Motor mit exzellenter Fahrbarkeit. Auf den Passagen über Feldwege und durch den Wald, die ich nahm fühlte ich mich im Sitzen oder Stehen super wohl und hatte sofort Vertrauen in die Maschine. Hier bewährt sich die drehmomentorientierte Auslegung des Motors. Wahrscheinlich hatte ich etwas zu viel Spaß im Gehölz. Zurück beim Händler fragte mich dieser, wie es denn so im Wald gewesen wäre. Ob meines verwunderten Blickes ergänzte er: „Der Förster hat angerufen. Der kennt unsere Maschinen schon!“ So war ich wohl nicht der einzige, der der Scrambler im groben Geläuf die Sporen gab.

Mein kurzer Ausritt mit der Triumph bestätigte jeden Testbericht, den ich so im letzten Jahr über sie gelesen hatte. Die gefällige Retro-Optik paart sie mit ernsthaften Offroad-Ambitionen und in Sachen Ausstattung ist sie neben den exzellenten Fahrwerkskomponenten auch sonst großzügig bestückt (u.a. Voll-LED-Beleuchtung, TFT-Bildschirm, USB-Ladebuchse). Ihre ausgewogene Ergonomie taugt mir sehr gut.

Die von mir gefahrene XE-Version geht aktuell ab 14.550€ über den Ladentisch. Die ersten gebrauchten Maschinen mit Laufleistungen im fünfstelligen Bereich stehen bei 11.500€ in den Onlinebörsen. Immer noch viel Geld, was in diesem Fall sicherlich gut investiert ist. Die Maschine ist ein Klassiker und wird auch einer bleiben.

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