Meine Alpenblitz-Reisebegleiterin R nineT

Einer der Gründe, warum ich mich so auf die Alpentour freute, war neben den Bergen das Motorrad, welches mich auf selbige raufbringen sollte. BMW Motorrad war so freundlich, mir für die Tage eine BMW R nineT bereitzustellen, inklusive des Tankrucksacks und der Hecktasche aus dem Originalzubehör.

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Angekommen im BMW Fuhrparkzentrum wurde mir die Ninette übergeben. Allerdings waren Tankrucksack und Hecktasche noch nicht montiert. Beim Anblick der Bedienungsanleitung für die Taschen musste ich herzlich lachen, denn beide waren jeweils dicker als die für das Motorrad (ok, sie waren mehrsprachig und die für das Motorrad nur auf deutsch). Der Anbau war etwas mühsam, da man für den Tankrucksack erstmal eine Halterung unterm Sitz anbringen musste. Dafür musste man diesen erst einmal abbauen. Die Hecktasche wurde unterm Aluminiumhöcker mit Schlaufen gesichert. Nach vorne sichert man sie mit Doppelklettschlaufen, für welche erst separate Haltelaschen angeschraubt werden mussten. Machte ich mir um den sicheren Sitz des Tankrucksacks keine Sorgen, war dies bei der Hecktasche anders. Die Doppelklettverschlüsse waren etwas zu kurz, als dass sie eine komplette Überlappung der Klettseiten ermöglichten. Man hatte also nicht den kompletten Halteeffekt. Der tägliche An- und Abbau der Hecktasche war immer etwas fummelig und wurde von mir grummelnderweise verrichtet, während die mitgereiste GS-Fraktion grinsend kurz ihre angebauten Koffer auf und zuklappten, um ihre Taschen rauszuholen.

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Erstaunlicherweise bekam ich mein komplettes Gepäck für die vier Tage in die Tasche, inklusive Regenkombi. Mit etwas Überlegung und filigraner Packtechnik konnte ich das Fassungsvolumen optimal nutzen – nur mein Laptop reiste in einer der GSen mit. Wir blieben fast komplett vom Regen verschont. Den kurzen aber heftigen Regenschauer steckten die Taschen ohne Leckage weg. Ob das bei einer Tagesfahrt im Dauerregen auch so ist, kann ich nicht beurteilen.

Jetzt aber zum Motorrad selber: Von der Ergonomie passte mir die Ninette sehr gut. Der breite Lenker ermöglicht eine entspannte Sitzposition, lediglich der Kniewinkel war kleiner, als ich es von meinem Motorrad gewohnt war, was aber auf der Tour kein Problem war. Was den Sitzkomfort angeht, ist noch etwas Luft nach oben. Auf dem schmalen, dünnen Sitzpolster begann mir regelmäßig ab dem zweihundertsten Tageskilometer der Allerwerteste zu zwicken. Mit etwas mehr Polsterung wäre auch der Langstreckenkomfort besser.

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Am ersten Tag unserer Tour durfte die Ninette dann mit steigendem Anspruchslevel zeigen, was sie kann. Über die Autobahn ins Alpenvorland, die ersten Alpentäler mit schönen, langgezogenen Landstrassenkurven im Ettal, etwas kürzerer Taktung im Namlostal und dann den ersten, richtigen Alpenpass mit dem Hahntennjoch. So konnte ich mich gut an die Grenzen der Maschine herantasten, bin ich doch im Alltag mit einer stollenbereiften Enduro mit halber Leistung unterwegs. Die vordere Upside-Down-Gabel und das Zentralfederbein geben artig Rückmeldung über den aktuellen Fahrbahnzustand; straff, aber nicht unkomfortabel. Lediglich bei stärkeren Bodenwellen oder ruppigem Fahrbahnbelag, wie auf dem Gaviapass, hätte ich lieber auf einer Enduro mit längerem Federweg gesessen. Die tiefe Sitzposition und die leicht über dem Tank liegende Fahrerhaltung fühlen sich sehr fahraktiv an. Man spannt die Pobacken an, sucht den Knieschluss am Tank und wirft die Ninette in die Kurven. Der tiefe Schwerpunkt des Boxers lassen die Maschine satt auf der Strasse liegen und geben ein sicheres Gefühl. Schnelles Umsetzen der Ninette ist kein Problem, sie will aber mit etwas Nachdruck geführt werden.

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Mit 110 PS und 119 Nm Drehmoment steht die Maschine satt im Futter. Dank einer leicht gekürzten Übersetzung zieht einem die Ninette beim Herausbeschleunigen aus den Kurven dermassen die Arme lang, dass es eine Freude ist. Egal ob enge Spitzkehren am Stilfser Joch oder langgezogene Kurvenradien am Falzaregopass, die Fahrbarkeit der Maschine ist sensationell. Auch wenn man in der Kurve merkt, dass man einen Gang zu hoch eingespannt hat, zieht einen der Boxer tief grummelnd aus selbiger raus. In engeren Kurven hatte ich lieber den zweiten Gang drin und habe den Motor mit leicht schleifender Kupplung auf Drehzahl gehalten. Das Herausbeschleunigen den Berg hinauf ging im zweiten etwas geschmeidiger, als im ersten Gang, bei dem man deutlich vorsichtiger den Gashahn dosieren muss, um nicht ein leichtes Vorderrad zu riskieren. Die Gangspreizung der 6 Gänge ist sehr gut gelungen, die Anschlüsse passen sehr gut und die Elastizität des Motors erlaubt es einem auch, im 5. oder 6. Gang durch die Stadt zu bummeln oder im 2. oder 3. die Passhöhe zu erobern. Lediglich das Auffinden des Leerlaufs war hier und da nicht ganz so einfach.

Das absolute Sahnehäubchen der R nineT ist aber der Sound. Was das Akrapovic-Doppel klangmäßig ablieferte, beschert mir jetzt noch aufgestellte Nackenhaare. Im Stand und bei niedriger Drehzahl grummelt sie noch gefällig vor sich hin, aber wehe, wenn die Drehzahl die 4.000 Umdrehungen überschreitet und die Auspuffklappen voll auf sind. Dann sind die Trompeten von Jericho nur als Kreisklasse zu bezeichnen, während die Ninette hier in der Champions League des Motorradsounds spielt. Einfach im Tunnel oder in der Galerie mal zurückschalten, vor den Kurven mal den Gashahn schnell schliessen und es spratzelt sonor, um dann nach der Kurve wieder hochzudrehen und den Rückhall von der gegenüberliegenden Felswand zu genießen. Irre. Die R1200 GS Adventure von Tourkollegen Akki trug den selben luftgekühlten Motor im Rahmen, lieferte auch einen sonoren Bollersound ab, der aber von dem Spektakel der Ninette deutlich entfernt war.

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Auch im Stand war das Motorrad der Hingucker. Egal wo wir anhielten, schauten sich die umstehenden Leute die R nineT an. Jetzt waren die Alpen nicht wenig bevölkert mit BMW-Motorrädern. Unzählige R 1200 GS, K 1600 oder R 1200 RT waren dort anzutreffen, aber ich sah nur zwei andere R nineT’s in den ganzen vier Tagen. Ein klares Differenzierungsmerkmal eben.

Sehr schweren Herzens habe ich gestern die Ninette wieder zu BMW zurückgebracht. Was für ein tolles Motorrad. Für die Kurvenjagd in den Alpen kann ich mir nichts besseres vorstellen. Druck aus allen Lebenslagen, traumhafter Sound, tolle Fahrbarkeit. Für die mehrwöchige Motorradtour muss man sich bezüglich Stauraum und Langstreckenkomfort was anderes suchen, aber zum Spaß haben, ist es das Beste, was mir bislang auf zwei Rädern untergekommen ist. Umso gespannter bin ich jetzt auf die Scrambler auf Basis der R nineT, die ja für das kommende Jahr herbeigemunkelt wird.

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5 Gedanken zu “Meine Alpenblitz-Reisebegleiterin R nineT

  1. Zum Thema Gepäck: ich mag ja Koffer und hab das ja wieder in Norwegen bei den Mitfahrern erlebt, die teilweise mit Tankrucksack und Gepäckrolle (zusätzlich) unterwegs waren und gerade bei den Tagesausflügen nicht einfach geparkt und den Helm ein/angeschlossen haben, sondern erstmal das ganze Taschengeraffel abgemacht und kompliziert mit Kabeln am Mopped verzangelt oder mitgeschleppt haben.

    Ich nehm einfach meinen Fotorucksack aus dem Topcase und kann Helm und evtl. Jacke dann einschließen.

    Ansonsten, schöne Gegend, Alpen sind schon toll, mit oder ohne Koffer. 😉

    Norwegen war aber auch super, ist nur nicht so flott wie in den Alpen.

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